Calw. Die Schriftstellrin Gabriele Stötzer (61) schenkte Schülern des Hermann Hesse-Gymnasiums (HHG) interessante sowie verstörende Einblicke in ihr Leben und Wirken unter dem DDR-Regime und beleuchtete ihre besondere Beziehung zur Heimat. Still und unscheinbar steigt sie die Treppenstufen hinab ins Halbrund. Das Forum am Schießberg ist gut gefüllt, erhellt von lebhaften Stimmen.
Ganz ungewöhnlich wirkt Stötzer für die Schüler der zehnten Klasse und der Oberstufe des HHG, wie sie so da unten im Bogen des Forums steht, beschwert sich nicht über den irritierenden Lärm, der sie einkreist. Sie scheint alles andere als eine strenge Akademikerin zu sein, die gleich einen energischen Vortrag beginnt.
Nein, Stötzer ist anders, ist niemand, den die Schüler erwartet haben. Eine kleine Frau mit grau meliertem kurzem Haar wartet geduldig auf die langsam eintretende Stille im Raum. Sie trägt eine jugendlich wirkende Collegejacke, blickt in Erwartung durch die Reihen. Schließlich ergießt sich eine etwas brüchige Stimme ins Mikrofon, unerwartet ruhig, besonnen.
Trotz ihrer jungen Aura wirkt Gabriele Stötzer gezeichnet, scheint eine Last auf ihren schmalen Schultern zu tragen, die sie unter intensivem Kraftaufwand zu stemmen hat. Sie beginnt mit plötzlich energisch werdender Stimme ihre Erzählungen, entspringend aus einer Zeit der Unterdrückung, einer Zeit der zivilen Geißelung: 41 Jahre lang erstickte die DDR den Freiheits- und Gerechtigkeitsdrang ihrer Bürger, inhaftierte Dutzende für ihre Sehnsucht nach Demokratie und stoppte
Menschenmassen auf ihrem Zug gen Westen.
Stötzer hat die ganze Härte des Staates erfahren. Geboren vor 61 Jahren in Emleben in Thüringen, rückte sie der sozialistischen Nation zunehmend auf die Pelle, stellte als Studentin mit Gerechtigkeitssinn provokative Petitionen, machte von ihrem inoffiziellen Recht der Meinungsäußerung Gebrauch. Sie bäumte sich gegen den Überwachungsstaat auf.
Nach der Exmatrikulation, hervorgerufen durch eine initiierte Petition gegen die Kündigung eines aufmüpfigen Studienkollegen, folgte auf den Protest gegen die Ausbürgerung des Musikers Wolf Biermann ein beunruhigendes Überschlagen der Ereignisse. Ihre sicher geglaubte bürgerliche Unberührbarkeit schien sich mit einem Mal in Luft aufzulösen: Nach einer Untersuchungshaft wird Stötzer 1977 ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck verfrachtet, lebt mit gefährlichen Straftäterinnen auf engstem Raum. Ein Jahr lang quält sich die Schriftstellerin durch dieses Haus des Entsetzens, erlebt verbale und körperliche Angriffe von Mitgefangenen, scheint schier an ihrer Gefangenschaft zu verzweifeln.
Doch Stötzer schöpft aus dieser grauenhaften Zeit letztendlich ein unglaublich großes künstlerisches Potenzial, die 80er-Jahre sollten zu ihrer produktivsten Lebensphase werden. Einen Ausschnitt aus ihren unter dem Band „Zügel los“ gesammelten Prosatexten liest die unscheinbare Frau den zunehmend gefesselten Schülern vor. Das Gedicht „Bauchhöhlenschwangerschaft“ wirkt fremd und zugleich faszinierend.
Stötzer experimentiert in ihren Texten mit buchstäblicher Symmetrie, vermischt die unterschiedlichsten sprachlichen Dimensionen und Textgattungen zu einer teils grausamen Halluzination ihrer internierten Vergangenheit. Eine bedrückende Stimmung legt sich über den Raum, Angst und Verzweiflung der Künstlerin erwachen in dem Gedicht zum Leben, beklemmen die Zuhörer.
Das Ende des sozialistischen Regimes im Jahr 1990 scheint für Stötzer auch das Ende ihres aktivsten und kreativsten Lebensabschnitts zu sein. Doch geschieht zugleich mit dem Zusammenbruch der DDR etwas, das sie als Aktivistin noch bedeutender machen wird. Mit der risikoreichen Besetzung der Erfurter StasiZentrale, die in den letzten Zügen des Sozialismus fluchtartig Akten zu vernichten versuchte, verewigen sich Stötzer und weitere mutige Frauen als paradigmatische Bürger, als bedingungslose Kämpferinnen für Demokratie, Recht und Ordnung. Bewundernd blicken die Schüler am Ende auf eine Frau, die sich in ihrem Vortrag einem Wechselbad der Gefühle unterziehen musste.
Von Rebekka Rentschler